Wege aus der Klimakrise

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Sven Borchert erläutert ein Gerät zur Bestandspflege von Zuckerrüben, wo zwischen den Rübenreihen gehackt wird und das Pflanzenschutzmittel in der Pflanzenreihe ausgebracht wird.
Am 27. März 2019 fand in Klein Oschersleben auf Einladung der Landtagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen ein Werkstattgespräch statt, in dessen Mittelpunkt der Klimawandel und sein Bezug zur Landwirtschaft stand. Unter den etwa 150 Teilnehmern waren überwiegend Landwirte, aber auch interessierte Bürger und Vertreter aus Verwaltung und Politik.
Der Deutsche Wetterdienst kann statistisch belegen, dass sich in den vergangenen Jahren in unserem Bundesland die Durchschnittstemperatur leicht erhöht hat. Gravierende Auswirkungen auf die Landwirtschaft sowohl beim Ackerbau aber auch in der Tierhaltung haben die Veränderungen der jahreszeitlichen Temperaturverläufe und der Niederschläge. Wir haben früher im Jahr wärmere Tage, mehr Hitzetage, längere Vegetationszeiträume, dadurch aber auch die Gefahr von Spätfrösten. Die Niederschläge konzentrieren sich eher auf die Wintermonate, es gibt eine ausgeprägtere Frühjahrstrockenheit und ein vermehrtes Vorkommen von Starkregenereignissen und Stürmen.
Ackerbau und Tierhaltung stellen sich der Herausforderung mit den Klimafolgen umzugehen, um krisenfester die Ernährung zu sichern. Landwirtschaft ist aber auch von der Gesellschaft gefordert, die Klimaeffizienz der Produktion weiter zu verbessern. Beides führt oft zu Konflikten, wie auch die Diskussion in Klein Oschersleben zeigte.
Zunächst gab es jedoch vor der eigentlichen Diskussion für Interessierte eine Betriebsführung über die in der Nähe gelegene Landwirtschaftliche Betriebsgemeinschaft Groß Germersleben. Der Betrieb ist Praxispartner für die Umsetzung des Projektes F.R.A.N.Z.. Der Geschäftsführer der projektbegleitenden Stiftung Kulturlandschaft Sachsen-Anhalt, Dr. Jens Birger, erläuterte, wie im Betrieb Maßnahmen zur Förderung der Artenvielfalt umgesetzt, biologisch erforscht und ökonomisch bewertet werden. An einer zweiten Station stellte Helmut Schulze, Gesellschafter der GbR, die Bewässerungsstrategie im Kartoffelanbau vor. An einer dritten Station erklärte Betriebsleiter und Verbandsvorstand Sven Borchert den etwa 60 interessierten Teilnehmern die Geräte zur pfluglosen Bodenbearbeitung und zum mechanischen und chemischen Pflanzenschutz.
In drei wesentlichen Bereichen kann man im Ackerbau den Folgen des Klimawandels begegnen: Man braucht angepasste Sorten von Kulturpflanzen, die besser mit vermehrtem Auftreten von Schadinsekten, Pilzerregern, Trockenperioden und Extremwetterlagen umgehen können. Man muss den Bodenschutz verbessern, um das Abtragen bei Sturm und Starkregen zu vermeiden. Und schließlich braucht es einen effizienten Umgang mit Wasser, das die Pflanzen zum Wachsen einfach brauchen.
Gesunde, starke Pflanzen können am ehesten mit Wetterkapriolen und Wassermangel umgehen. Neonicotinoide Samenbeize bewirkt einen überaus wirksamen Schutz junger Nutzpflanzen gegen Schadinsekten. Mit deren Verbot werden die Pflanzenbestände nun mit Insektiziden per Feldspritzen in mehreren Überfahrten geschützt. Das ist weniger effektiv, die Pflanzenbestände sind weniger stabil und die Klimaeffizienz leidet durch den CO2-Ausstoß der Fahrzeuge. Eine Lösung wäre die Wiederzulassung der Neonics in bestimmten Anwendungen, da auf frisch bestelltem Acker oder in nicht blühenden Zuckerrüben keine Bienen zu erwarten sind, die eventuell geschädigt werden könnten.
Ein weiteres effizientes Mittel ist die moderne Pflanzenzüchtung, wo beispielsweise mittels der sogenannten Genschere die Widerstandsfähigkeit gegen Trockenphasen oder Pilzerreger gezielt in neue Pflanzensorten gezüchtet werden kann. Das jedoch scheitert an der Skepsis von Teilen der Gesellschaft.
Die im Betrieb umgesetzte pfluglose Bodenbearbeitung kann durch verschiedene Verfahren, wie zum Beispiel Mulchsaat, dazu beitragen, Bodenerosion und Verdunstung zu minimieren. Wie bei der mechanischen Unkrautbekämpfung wird der Boden nur oberflächlich gelockert, die kapillaren Strukturen gebrochen. Und das auf dem Feld verbleibende Mulch von Stroh oder aufgelaufenem Ausfallgetreide, das bei der Ernte nicht in den Getreidebunker gekommen ist, deckt den Boden schützend ab. Herausforderungen entstehen dabei mit der Bekämpfung von Mäusen und beim Einsatz von Unkrautbekämpfungsmitteln. Gerade das im Vergleich zu anderen Mitteln relativ ungiftige Glyphosat erweist sich hier als wichtiges Werkzeug, für das angesichts der öffentlichen Debatten eine Alternative gebraucht wird.
Unabhängige Forschung war somit auch eine Kernforderung in der Diskussion mit der Fraktionsvorsitzenden Cornelia Lüddemann, der agrarpolitischen Sprecherin Dorothea Frederking und Agrarministerin Prof. Dr. Claudia Dalbert. Umgesetzt wird die von den Co-Referenten des Abends, Dr. Hans-Ulrich von Wulffen (Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau) und Dr. Rüdiger Graß (Universität Kassel). Beide lieferten Ansätze, die je nach örtlichen Gegebenheiten umsetzbar sind. Zauberwort war die „nachhaltige Intensivierung“, wo eine Tätigkeit im Spannungsfeld von Klimafolgenanpassung und Klimaschutz zu verorten ist. Neben der Ökologie und der sozialen Komponente wird das Gleichgewicht der Nachhaltigkeit von ökonomischen Faktoren bestimmt. Und so haben Politik, Landwirte und ihr Bauernverband auch die finanzielle Vorsorge im Blick, um auf das zunehmende Klimarisiko reagieren zu können.
Kostentreiber ist nicht zuletzt die Politik mit ihren zunehmenden Auflagen. Aber auch solche Abgaben wie der Wassercent können durch die Politik wieder abgeschafft werden, nimmt man es mit der Unterstützung der Landwirte im Umgang mit den Klimafolgen ernst. Zumindest einen Erfolg konnten die vielen anwesenden Landwirte mit nach Hause nehmen: Eine Pachterhöhung für die staatlichen Flächen in Hand der landeseigenen Landgesellschaft schloss die Ministerin für dieses Jahr aus.