Jahrestagung der Deutschen Landsenioren

Eingetragen bei: Allgemein | 0
Mit digitaler Überwachung länger im ländlichen Wohnumfeld leben


„Der ländliche Raum ist ein wesentlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens nicht nur in Sachsen-Anhalt sondern in ganz Deutschland.“ Mit diesem Satz wehrte sich Dr. Horst Schnellhardt, Präsident des Landseniorenverbandes Sachsen-Anhalt e.V., im Namen aller Mitglieder seines Verbandes gegen aktuelle Bestrebungen, Dörfer gegenüber Ballungsräumen zu vernachlässigen. Aber es blieb nicht nur bei diesem allgemeinen Appell.
Die 29. Fachtagung der Deutschen Landsenioren, die kürzlich in Ebendorf stattfand, beschäftigte sich mit der „zukünftigen Entwicklung der ländlichen Räume in Sachsen-Anhalt unter Beachtung der Digitalisierung und ihren Auswirkungen auf die ältere Generation“. Rund 80 Landsenioren aus neun Bundesländern waren zu diesem zeitgemäßen Forum in das Landhotel „Bördehof“ angereist. Viele der in mannigfaltigen deutschen Dialekten plaudernden Damen und Herren kennen sich bereits seit Jahren aufgrund ihrer Tätigkeit für die jeweiligen Landseniorenverbände; eine gute Basis um Neues über zukünftige Daseinsvorsorge zu erfahren und darüber zu diskutieren. Der wegen seiner langjährigen politischen Arbeit gut vernetzte Schnellhardt hatte zu diesem Zweck zwei Staatssekretäre und namhafte Fachleute zum Thema geladen und führte durch die Veranstaltung.

Das Gehirn trainieren trotz digitaler Helfer
Dr. Bernd Unger
Dr. Bernd Unger, Präsident der Deutschen Landsenioren, sprach zunächst einige einleitende Worte: Sein Auto, welches er vor fünf Jahren gekauft hätte, hätte viele Funktionen, die er niemals kennenlernen würde, weil er sie nicht bräuchte. Es ginge nicht darum, alles zu wissen, sondern keine Angst vor der von Menschen erdachten Technik zu haben. Dr. Unger warnte gleichzeitig vor der „digitalen Demenz“: „Das unendliche Wissen im Netz ist nur Mittel zum Zweck. Das eigene Gehirn muss trainiert werden und dafür ist jeder selbst verantwortlich“, mahnte er. Besonders bei jungen Menschen solle man darauf achtgeben. Wenn Eltern nicht soviel Zeit hätten, sich mit den Kindern zu beschäftigen, wäre es eine große Chance für Großeltern, hier zu unterstützen, wandte er sich an die Anwesenden und erntete Beifall dafür.

Direkte Kontakte sind wichtig
Dr. Ralf-Peter Weber
Dr. Ralf Weber, Staatssekretär im Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Energie, begann seinen Vortrag mit der langen und bedeutsamen Geschichte Sachsen-Anhalts, erinnerte aktuell an 100 Jahre Bauhaus, erwähnte die sieben Naturparke und zwei Biosphätenreservate, zu denen nun im 30.Jahr der Wiedervereinigung Deutschland das Naturmonument der ehemaligen innerdeutschen Grenze hinzu käme. Den Wandel in der Demografie nahm Dr. Weber zum Anlass den ehrenamtlichen Mitarbeitern der Landseniorenarbeit für die Schaffung der Gemeinschaftserlebnisse im ländlichen Raum zur danken. „Weil Kinder und Enkel oft weit entfernt wohnen, ist der Kontakt über das Internet sehr wichtig“, so Weber, „aber der digitale Austausch kann den direkten Kontakt nicht ersetzen.“ Applaus aus den Reihen der Senioren.

Digitalisierung kann vor allem im ländlichen Raum vieles einfacher machen

Staatssekretär Thomas Wünsch aus dem Wirtschaftsministerium hielt anschließend einen Vortrag mit dem Titel: „Digitalisierung des ländlichen Raumes unter Berücksichtigung der älteren Generation“. Digitalisierung als ein gesamtgesellschaftliches Vorhaben sei eine Chance für die Entwicklung im ländlichen Raum, so Wünsch und führte weiter aus: „Das Leben kann dadurch leichter werden, wenn man sich darauf einlässt.“ Er sprach über die digitale Agenda Sachsen-Anhalts und über die Maßnahmen an deren Umsetzung man arbeite. Wünsch erwähnte unter anderem das mobile Arbeiten, die Verbesserung der medizinischen Versorgung auf dem Lande, der Nahversorgung oder der Mobilität allgemein. Grundlage hierfür sei natürlich die Infrastruktur, der Ausbau des Netzes und der Schließung weißer Flecken beim Mobilfunkausbau. Wünsch erläuterte einige Projekte, die sich mit neuen Technologien zu selbstbestimmtem Leben beschäftigen, Stichwort Pflegeroboter oder Patient-Hausarzt-Vernetzung.
Hier meldete sich eine ehemalige Hausärztin aus dem Publikum zu Wort und wendete ein, dass bei all der Vernetzung doch das Zwischenmenschliche auf der Strecke bliebe und Ursachen von gesundheitlichen Problemen mit dem Arzt besprochen werden müssten. Die Senioren applaudierten und Wünsch konterte, dass eine stabile gesundheitliche Versorgung auf dem Lande die Basis sei. Wenn dann Aktionen, wie zu verlängernde Medikamente, per moderner Technik abgewickelt würden, bliebe mehr Zeit für andere Prozesse, besonders individuelle Gespräche um Gesundheit und Pflege.
Eine Diskussion schloss sich an, bei der es darum ging, dass uns die Technik das Leben wohl leichter macht, elektronische Medien aber auch Risiken bergen. Kinder darf man damit nicht allein lassen; Wissensvermittlung, also Medienkompetenz, muss mehr und besser geschult werden aber Eltern tragen die größte Verantwortung.
Es ging in den Wortmeldungen besonders auch um die Datensicherheit. EU-Datenschutzgrundverordnung hin oder her. Daten seien eine Währung, Verbraucher müssen die ihnen zustehenden Auskünfte einfordern und der Landseniorenverband sollte seine Bedenken hierzu auch für die Politik formulieren, so Wünsch.

Technik muss Spaß machen

Damit dass gerade auf dem Lande die Digitalisierung, zum Beispiel das Einkaufen im Internet oder Volldigitalisierung der Verwaltungen, große Erleichterungen bringe, leitete Professor Ulrich Fischer-Hirchert von der Hochschule Harz seinen Vortrag ein. „Die Akzeptanz sei ein ausschlaggebender Faktor“, ergänzte er. Fischer-Hirchert beschäftigt sich mit angewandter Forschung und stellte unter anderem sein Telemedizin-Projekt vor: Hier sind Pflegeeinrichtung, Arzt und Patient miteinander verbunden. Geräte, die die Atemluftzusammensetzung im Raum und die Vitalparameter messen sowie eine Ganganalyse beim älteren Menschen vornehmen, zeigen an, ob sich Krankheiten anbahnen. Auch Verwandte können eingebunden werden. Sorgen, die mit dem Älterwerden verbunden sind, wie der Verlust der Selbständigkeit, Krankheiten und Einsamkeit, könnten so unbedeutender werden. „Spaß an der Technik hat in den Praxis Tests alles andere überwogen“, so der Harzer Professor.
Das System ist fast am Markt, benötigt aber eine stabile und sehr gute Internetversorgung. Hier kritisierte der Forscher das deutsche „Kupferland“ wo doch nur Glasfaser eine wirklich gute Versorgung sichern würde.
Schnellhardt fasste kurz zusammen, dass man in seinem gewohnten Lebensumfeld länger bleiben könne, wenn man Vollüberwachung in Kauf nähme: bei einem Sturz wäre so schnell Hilfe da. In kleinen Gruppen weiter diskutierend, ging man in die Kaffeepause.
Zum Abschluss der Landsenioren-Jahrestagung gab es noch einen interessanten Vortrag zum Biosphärenreservat Mittelelbe mit deren Leiter Guido Puhlmann.
Am 4. Juli führten die Landsenioren eine Exkursion zum Wasserstraßenkreuz durch und erfuhren bei einer anschließenden Stadtführung in Magdeburg, wie sich die Stadt nach der Wende verändert hat. Die Teilnehmer waren mit der Veranstaltung sehr zufrieden und fuhren mit neuen positiven Eindrücken in ihre Heimat.

In Sachsen-Anhalt gibt es 15 regionale Landseniorenverbände mit rund 1500 Mitgliedern. Sie bieten der auf dem Lande ständig wachsenden Zahl älterer Menschen Stätten der Begegnung mit altersspezifischen Aktivitäten an, wie
gemeinsame Reisen, Firmenbesuche oder Weiterbildungen.

Text und Fotos: Barbara Ilse