100 Hektar Acker, 30 Kühe, 300 Schweine, Schafe, Pferde und Hund – ein kleiner landwirtschaftlicher Hof in Groß Rodensleben. Chefin ist Vanessa Kuthe. Mit zwei Mitarbeitern, Freund Michael Schwaiger und Papa, Ulrich Kuthe, „schmeißt“ die junge Frau den Laden und die ein Hektar große Hofstelle am Dorfrand mit Halle, Weiden, Mühle und Wohngebäuden.
Es ist Erntezeit und die 32-Jährige fährt den Mähdrescher im Weizen. Auf dem Vorgewende stehen vier Anhänger in zwei Zügen. Sind sie voll, darf der gelbe New Holland Drescher zur Not auch mal Pause machen, während die Landwirtin das Getreide nach Wanzleben zur Außenstelle der Magdeburger Getreidegesellschaft (MGG) aus Vahldorf fährt. Nicht immer passt es und es kann jemand abfahren, denn die Arbeit im Stall geht eben vor. Der Mähdrescher ist ein Geschenk vom Vater in der Studienzeit in Bernburg. Vanessa: „Papa wollte, dass ich hierbleibe. Und ich konnte mir sowieso nie was anderes vorstellen, als Bäuerin zu sein. Ich bin hier großgeworden, als Oma und Opa noch wirtschafteten.“ So übernimmt sie den Betrieb 2019.
Auf Eigentums- und Pachtflächen wachsen jetzt neben Winterweizen Raps, Rüben, Triticale, Hafer, Sommergerste, Kartoffeln und Rote Beete. Weizen, Raps und Rüben werden verkauft. Triticale, Hafer & Gerste werden als Futter für die Tiere gebraucht, genauso wie ein Teil der Kartoffeln und ein kleiner Teil vom Weizen, der wie Gerste und Triticale zu Schrot verarbeitet wird. Außer der alten Windmühle, die bis 1960 noch ihre Flügel drehte, gibt es dafür nebenan noch die elektrische Hammermühle.
20 Hektar Raps auf vier Schlägen sind schon gedroschen, mehr schlecht als Recht, weil der Mähdrescher keine Lust hatte und immer wieder streikte. Etliche Kleinigkeiten -das teuerste Neuteil war ein Hydromotor- hielten den Erntebeginn auf. Aber es gibt ja Micha, den Tausendsassa, oder „unser MacGyver“, wie Vanessa ihn bezeichnet. Der Elektriker der mittlerweile eine Umschulung zum Landwirt absolviert hat, kann fast alles reparieren. Dass sie erst mit Verzögerung zum Ernten kam, hat der mit fröhlicher Gelassenheit, Zielstrebigkeit und Begeisterung für ihren Beruf gesegneten Frau nicht soviel ausgemacht, wie der schlechte Ertrag beim Raps. „Ein Drittel weniger als sonst, nur 3,3 Tonnen pro Hektar (t/ha), das ist traurig. Schuld sind wohl die kalten Nächte im Wachstum, fehlender Niederschlag und die fehlenden, nicht mehr zugelassenen Insektizide, für die wir Landwirte keine Alternativen haben.“ Anders kann sich die junge Frau den schlechten Ertrag nicht erklären.
Aber jetzt schnurrt der New Holland wie er soll über das 17 Hektar große Weizenfeld mit dem bezeichnenden Namen „Hinter der Halle“ und Vanessa freut sich, wenn die schweren goldenen Ähren über sechs Meter Schnittbreite im Schneidwerk verschwinden, hinter ihr das Stroh schön ordentlich im „Schwad“ liegt und die Körner dann die Hänger füllen.
Beim Weizen nach Raps liegt der Ertrag bei guten 8,5 t/ha. Nach Weizen angebauter Weizen, sogenannter Stoppelweizen, liegt bei 7,5 t/ha und guten Qualitäten. Triticale, Sommergerste und Hafer werden hoffentlich auch gute Erträge liefern. Wenn es mit ruhigen zwei, drei Kilometern pro Stunde geradeaus vorwärts geht, bleibt Vanessa via Handy auf dem Laufenden mit Freund und Vater, die bei den Tieren sind. Halle, Windmühle und Weide kann sie vom Drescher sehen. Ja, es sind lange Tage jetzt, aber mürbe machen sie andere Sachen, wie die niedrigen Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse, „die schlechte Agrarpolitik, die nur auf Verbote setzt, hohe Kosten für alles und dass man deshalb nicht in die Zukunft planen kann“. Der Betrieb trägt sich wie viele andere gerade so. Auf dem Hof arbeiten außer dem Drescher noch andere Maschinen, ein Fendt-Trecker, eine Drillmaschine, eine Spritze und ein Düngerstreuer. Die Tiere sorgen für die organische Düngung auf ihren Feldern. Aber Mineraldünger muss trotzdem zugekauft werden, sowie die Mischkomponenten für das Schrot der Tiere, welches die gut vernetzte Landwirtin bei Nachbarbetrieben erwirbt. Alles auf kurzen Wegen.
Die Arbeit mit den Tieren bezeichnet die Bäuerin als erfüllend. „Die danken einem jeden zusätzlichen Handschlag“, sagt sie. Jede Woche verkauft sie einige ihrer über 200 Kilogramm schwere Schweine, die 9 bis 12 Monate bei ihr gemästet wurden, an einen Schlachtbetrieb in Thüringen. Zwei Schweine in der Woche schlachtet und verarbeitet die Landhausschlachterei Mario Hesse in Dingelstedt. Je nach Bedarf wird dann auch eins der Schweine zu Hausschlachte-Waren für die eigene Direktvermarktung. Diese verkauft sie im Hofladen der Agrargenossenschaft Dreileben und auf Märkten. Dort bietet sie auch Seifen, Naturkosmetik und Kichererbsenprodukte vom Jeseritzer Anbauer Hendrik Tendler an.
Am Hof können die Groß Rodenslebener länger schon die ersten Frühkartoffeln erwerben und später komme zu den Kartoffeln noch Rote Beete. Grillpakete von Rind und Schwein sind in der Angebotsplanung. Auch die Schafwolle bietet sie Gärtnern an. Schafwurst soll auch kommen. Ihre zwei Schwestern und Mutter Silke helfen, wenn es eng wird, mit aus. Hilfe kann auf einem Familienbetrieb nie genug vorhanden sein.
Und wenn irgendwann doch noch Zeit ist, bauen Vanessa und ihr Freund das Haus der Oma zu einem Zuhause für sich um. Das Wohnzimmer ist schon fertig.








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