Allgemein-Politik + Förderung-Tierhaltung

Lammzeit in der Börde

Immer mehr Wolfsrisse im Land – Jagdrecht wird angepasst

200 Schafe haben bisher 360 Lämmer gelammt (geboren). Die Uthmödener Schäfer Torsten und Christian Kruse sind im Dauereinsatz – gestern kamen 40 Lämmer auf die Welt. Im Stall herrscht ein wildes Geblöke – egal ob es die werdenden Mutterschafe sind, die neugierigen Tanten oder die kleinen frischgeborenen Lämmer, die ihre ersten Schritte und Sprünge wagen – ganz schön laut. Dickes Stroh, Wasser, gut gefüllte Futterkrippen – alles perfekt für die Lammzeit, die von Ende Januar bis Ende April dauert. Dazu haben die 12 Zuchtböcke der GbR Schäferei Kruse im Oktober/November in allen Herden ihr Bestes gegeben. 1200 Schafe lammen jetzt.

Senior-Chef Christian Kruse berichtet von der Lammzeit

Nach und nach werden alle Schafherden von den Weiden in den Lammstall gebracht. Christian Kruse holt gerade eine Herde von einem Feld mit abgeweidetem, sehr nahrhaften Roggenaufwuchs von Potzehne nach Uthmöden. Derweil hat sein Vater alle Hände voll zu tun mit den Schafgeburten, die er nach Bedarf unterstützt. „Die da lammt das erste Mal. Da muss man aufpassen, ob sie das hinkriegt.“ Dabei zeigt der Schäfer auf ein Schaf, was sich gerade die richtige Liegeposition zum Gebären sucht und dabei laut blökt. Auf der anderen Seite leckt ein Schaf gerade sein Frischgeborenes ab, welches dabei mühevoll und ungeschickt versucht aufzustehen. Das Lämmchen ist nass und dampft. Auch hier hat Torsten Kruse Geburtshilfe geleistet, das Lamm an den Beinen herausgezogen. Nun hilft er der Erstgebärenden, zieht am Lämmchen und macht mit Stroh die Schnauze frei. Bei beiden Schafen sieht man, dass jeweils noch ein zweites Lämmchen geboren werden wird. Bei dem jungen Mutterschaf, auf den Ohrmarken steht das Geburtsjahr 4 (für 2024), folgt die zweite Geburt auch sofort. Sie kümmert sich gleich darauf liebevoll um die beiden Lämmer, leckt sie ab und stupst sie vorsichtig an. Ein Lächeln huscht über das Gesicht des Schäfers: „Das macht sie gut“, freut er sich. Das ältere Mutterschaf steht neben seinem Lämmchen und versucht ihm beim Aufstehen zu helfen. Daneben sucht ein vor einer Stunde geborenes, beim Gehen noch schwankendes Lämmchen die Zitzen der Mutter. „Wir hatten am Anfang viele einzelne Lämmer, wie das da. Aber nun kommen viele Zwillinge und Drillinge. Auch Vierlinge hatten wir schon“ resümiert Kruse. Er weiß, dass es am Nährwert des Futters liegt und hat schon von seinem Lehrherrn gelernt, dass die Schafe in der „Bockzeit“ Ruhe zum „Aufnehmen“ benötigen. Klauen schneiden und nötige Impfungen werden gleich anschließend hier im Stall erledigt. Dafür müssen beide Schäfer zusammenarbeiten. Das dicke Stroh wird täglich gewechselt. Einige Lämmchen müssen zeitweise Flaschenmilch bekommen. Zehn Hektar Grünland bewirtschaften die Schäfer für die Grassilage. Dazu gibt es im Stall nahrhaftes Luzerne-Heu. Zweimal im Jahr ist Schafschur; auch das machen die Beiden selbst. Für Mistentsorgung und Strohversorgung arbeiten die Schäfer mit der Agrar-Produktions-und Handelsgesellschaft mbH Uthmöden/Satuelle zusammen.

 

Die Lämmer und ihre Mütter sind für die „Mutter-Kind-Bindung“ fünf Tage allein in kleinen Buchten. Dann kommen sie erst in 15er Gruppen zusammen, später in 30er Gruppen. Draußen wartet schon eine Herde mit 200 Schafen. Kruse zeigt auf die meist liegenden, weißen schwarzköpfigen Mütter und die herumlaufenden, springenden schwarzen Lämmchen. „Die kommen jetzt zusammen auf die Weide. Nach fünfeinhalb Monaten werden Bock- und Zippenherden gebildet. Erst ab Dezember werden die Lämmer verkauft. 300 Stück bleiben zur Nachzucht im Betrieb. Solange betreiben die Suffolk-Schafe Naturschutz. Die größte Einnahmequelle ist die Elbwiesen- und Deichbeweidung von Fischbeck bis Schönfeld. Hinzu kommt die Beweidung im Naturschutzgebiet bei Niederndodeleben.

Jede Herde wird von zwei Herdenschutzhunden bewacht. Die von Kruses gezüchteten kaukasischer Owtscharka, 18 haben sie davon, stellen sich dem Wolf wehrhaft und aggressiv entgegen. „Das Rudel da drüben vom Truppenübungsplatz und das Flechtinger Rudel von der anderen Seite kennen meine Hunde – die Wölfe kommen hier nur auf 50 bis 70 Meter heran“, beschreibt Kruse die Lage am Betriebsgelände. Überall, auch auf den Elbwiesen sind zusätzlich Elektrozäune nötig.

Die Herdenschutzhunde geben ihr Bestes, um die Schafe Tag und Nacht vor den patrouilierenden Wölfen zu schützen

Präventionsmaßahmen, dazu gehört auch die gesamte Unterhaltung der Herdenschutzhunde werden teilweise subventioniert, weil sich der Artenschutz des zurückgekehrten Wolfes und die Weidetierhaltung mitunter ausschließen; eingezäunte Weidetiere sind leichtere Beute als fliehende Wildtiere. Der Wolfsbestand wächst stetig weiter.

Wolf Last, Geschäftsführer des Landesjagdverbandes Sachsen-Anhalt, und seine Mitarbeiter haben sich an den verschiedensten Anhörungen zur Änderung des Jagdgesetzes mit Fachwissen und Stellungnahmen für die Jäger beteiligt. Ebenso fachlich beteiligt ist Marius Thordsen Denecke vom Bauernverband Börde e.V. für Weidetierhalter wie Familie Kruse. Nun hat der Bundestag beschlossen, dass der Wolf ins Jagdgesetz aufgenommen wird. Eine praxistaugliche Regulierung des Wolfsbestandes oder wie es der Bundesjagdverband formuliert „die aktive Steuerung der Populationsentwicklung“ wären damit möglich. Der Bundesrat wird Ende März darüber entscheiden und die Länder können dann ihre regionalen Managementpläne aufstellen.

Wolf Last, Landesjagdverband Sachsen-Anhalt (Foto: privat)

Schäfer Kruse ist sich sicher, dass es zu den Bekannten auch einzelne Wölfe und Rudel gibt, die nicht im Wolfsmonitoring Sachsen-Anhalts erfasst sind. Auch für Last ist die Möglichkeit von nicht erfassten Wölfen nicht ausgeschlossen: „Weite und grenzübergreifende Wanderungen der Wölfe lassen eine exakte Angabe über die Anzahl nicht immer zu.“ Sicher sei, dass die Population zunehme. Der Jagdverband wartet jetzt erst einmal ab, wie das Land entscheidet. Außer der Entnahme von Schadwölfen, müsse es dann eine regionale Differenzierung der Abschüsse des Nachwuchses von 25 bis 40 Prozent des Bestandes geben, so Last. Und so wie es für alle jagdbaren Tiere einen Abschussplan gebe, werde es auch einen für den Wolf geben. Danach könne man fach- und sachgerecht verfahren. „Mit einer Jagdzeit von Juli bis Oktober, ist auch gesichert, dass Jung- und Altwölfe gut zu unterscheiden sind“, so der Geschäftsführer des Landesjagdverbandes.

Unterdessen befürchtet Kruse, dass die Änderung des Jagdgesetzes die Streichung von Förderungen für Herdenschutz zur Folge haben könnte: „Ob wir drei oder zehn Wölfe hier haben, ist egal. Wir müssen unsere Schafe gegen Wolfsangriffe schützen. Das können wir allein nicht tragen.“  Auch hier ist sein Bauernverbands-Geschäftsführer ganz seiner Meinung: „Nur mit einem wirksamen Mix aus Bestandsmanagement des Wolfes und effektiven Herdenschutzsystemen können wir Wolf und Weidetierhaltung als Gesellschaft in unserer Kulturlandschaft halten“, so Marius Thordsen Denecke.

Comments are closed