Kein Bauer kastriert gern kleine Ferkel

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Vor der Geschlechtsreife gibt es keinen Ebergeruch – warum also nicht vorher schlachten?
„Wenn ich die männlichen Ferkel nicht kastriere, werde ich die Tiere nicht los.“

Beim Saugen eingeschlafene Ferkel auf der Domäne Alikendorf, einem konventionell wirtschaftenden Landwirtschaftsbetrieb
Joachim Klette, Schweinezüchter aus Alikendorf züchtet pro Jahr rund 10 000 Ferkel, die zur Mast an andere Betriebe verkauft werden. Mit den Ohrmarken kann das Tier bis zur Schlachtung verfolgt werden. Landwirte produzieren nur, was Schlachthöfe, Handel, am Ende der Konsument abnimmt. Tierzucht soll ohne Leiden erfolgen. Außerdem macht Kastrieren Arbeit, kostet Zeit und Geld. Dabei ginge es doch auch ohne Kastration, wenn die Tiere vor der Geschlechtsreife mit etwa 80 bis 90 Kilogramm geschlachtet würden. Urban Jülich, Vorsitzender des Bauernverbandes „Börde“ e. V. plädiert für diese Lösung, denn damit wären alle Vorhaben überflüssig, Kastration unter Schmerzmitteln oder Narkosen durchzuführen.
Kastrierung führten Schweinehalter seit jeher und weltweit durch. Das kleine Tier verliert durch zwei Skalpellschnitte seine Hoden, ist nach einer Minute wieder bei der wärmenden Muttersau und bei seinen Geschwistern. Aber klar, es hat Schmerzen. Bis zum 7. Lebenstag ist das in Deutschland noch bis 2021 erlaubt. Dann gilt das Verbot der betäubungslosen  Kastration. Der gesetzlich geregelte Tierschutz verlangt dann die Schmerzausschaltung. Von der örtlichen Betäubung bis zur Vollnarkose sind viele verschiedene Mittel erhältlich oder werden noch erforscht. Oft ist der Tierarzt dabei nötig. In Deutschland werden etwa 20 Millionen männliche Ferkel kastriert, weil Mastschweine mit zirka vier Monaten, 80 bis 90 Kilogramm schwer, geschlechtsreif sind. Von da an bis zur Schlachtung, mit sieben Monaten und 120 Kilogramm schwer, können die männlichen Tiere den übelriechenden Ebergeruch entwickeln. Das Fleisch gilt dann als unverkäuflich. Die Eberhaltung ist übrigens sehr schwierig, weil die männlichen Schweine viel aggressiver sind und der Eberfleisch-Markt gesättigt ist.
Nele Kruse, im Landesbauernverband von Sachsen-Anhalt Fachreferentin für Tierzucht
Nele Kruse , im Landesbauernverband von Sachsen-Anhalt Fachreferentin für Tierzucht, sieht noch schwerere Zeiten für die Sauenhaltung in Deutschland herannahen: „Hier gibt es viel zu wenig Verbraucheraufklärung“, sagt sie und meint zum Beispiel die Improvac-Doppelimpfungen, die Tierärzte als schonendste Lösung ansehen. Improvac ist ein Impfstoff, der die Hormonbildung beim Schwein unterdrückt. „Noch herrscht die unsinnige Ansicht vor, dass menschliche Hormone auch davon beeinflusst werden“, so Nele Kruse und fährt fort: „Eine besonders praxistaugliche Lösung wäre der Weg, den die Dänen gehen.“ In Dänemark ist die Kastrierung unter lokaler Betäubung gängige Praxis. Das Mittel, welches dort verwendet wird, ist in Deutschland allerdings für Schweine nicht zugelassen, da die Schmerzausschaltung, wie im Tierschutzgesetz gefordert, bei dem Verfahren offenbar nicht gewährleistet ist.  Der Ferkelexporteur Dänemark liefert natürlich auch nach Deutschland. „Und die Sauenhalter in Deutschland wissen nicht, wie die Zukunft nach 2021 aussieht“, mahnt Nele Kruse und fordert, dass der absolute Grundgedanke EU-Gleichheit sein müsse.
In der Schweiz bekommen die Tiere seit 20 Jahren schon eine Vollnarkose vor dem Eingriff. In England wird vor der Geschlechtsreife geschlachtet. In Spanien, Portugal und den Niederlanden werden nur 20 Prozent der männlichen Schweine kastriert in Deutschland bis zu 80 Prozent. Jeder macht es so, wie es erlaubt ist, die Schlachthöfe aufkaufen, der Handel die Preise macht und wie die Verbraucher es möchten.
Joachim Klette, Sauenhalter und Ferkelverkäufer von der Domäne Alikendorf GbR, züchtet Schweine für die Mast. Er weiß, wovon er spricht, ist er doch schon seit vielen Jahren im Geschäft. Er sagt: „Seit Menschengedenken nehmen die Bauern die Eberferkel zwischen die Knie und kastrieren sie mit einem scharfen Messer. Danach gehen die Ferkel sofort wieder an das Gesäuge.“ Auch er weiß noch nicht, was nach 2021 auf ihn zukommt. Über alle zur Zeit bekannten Methoden hat er sich sehr gut informiert und bezweifelt, ob manches davon dem Tierwohl dient. Aber was wird der Gesetzgeber vorgeben? Für ihn sind Mastbetriebe und Schlachthöfe die Preismacher. Den meisten Verbrauchern sei das doch egal, Hauptsache billig, sagt Klette. In Zukunft werde Fleisch auf alle Fälle teurer werden und das wäre gut so, denn um ein Kilo Fleisch zu erzeugen benötigt man etwa 2, 5 Kilogramm Getreide. „Fleisch ist billiger als Brot, das kann nicht sein!“, so Klette kämpferisch. Seiner Meinung nach würde der deutsche Ferkelmarkt endlich wieder anziehen, wenn die Schweine vor der Geschlechtsreife geschlachtet würden. Ansonsten kämen die kleinen Schweine irgendwann nur noch aus dem Ausland zur Mast nach Deutschland, prophezeit er.
Auf der Domäne Alikendorf haben die Schweinchen die vorgeschriebenen Ohrmarken, genügend Platz, spielen mit Ketten, Holzstückchen und Stricken. Sie sollten auch hier in Sachsen-Anhalt aufwachsen, geschlachtet, verarbeitet und gegessen werden.
Die größeren Ferkel spielen, raufen und fressen, bis sie mit 11 Wochen und etwa 30 Kilogramm schwer in die Mast gehen.